Deshalb haben sich Juristen coachen lassen… (2)

Die Umfrage „Brauchen Juristen einen Coach“ ergibt bislang ein klares „JA“. Falls Sie also noch nicht mit abgestimmt haben, bitte schnell noch Ihr Kreuzchen machen. Die Umfrage läuft in den nächsten Tagen aus!

Dass Juristen einen Coach brauchen, ist auch meine Erfahrung bei meiner Arbeit als Coach und Trainer bei CLP. Doch worin genau lassen sich Juristen coachen? Was sind die Themen, an denen sie immer wieder zu scheitern drohen? Was sind die Sorgen, die sie nachts nicht schlafen lassen? Und sind diese wirklich beruflich und spezifisch für einen juristischen Beruf? Oder geht es den Anwälten und Juristen mittlerweile nicht ebenso wie Managern und anderen Führungskräften in der Wirtschaft, die sich bereits seit Jahrzehnten coachen lassen; anders gefragt: haben Juristen von heute also die Probleme und Sorgen der in der Wirtschaft Tätigen? So dass die dort vorhanden Erfahrungswerte der Coachings ohne weiteres auch für Juristen heute anwendbar sind, diese also von dem Vorlauf in der Wirtschaft profitieren?

Nach meiner Erfahrung trifft dies nur sehr eingeschränkt zu. Natürlich ist heute der Konkurrenzdruck unter den Anwaltskanzleien stärker als jemals zuvor. Die Anwaltschaft steht unter dem Druck, sich als Dienstleister neu definieren zu müssen: die neuen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen auch vor der Kanzlei und dem Kanzlei-Marketing nicht halt. Auch drängen immer mehr Frauen in den juristischen Beruf (Die Zukunftsstudie des DAV von 2013 ergab: „Die Zukunft der Anwaltschaft ist weiblich“ – fordern Sie eine Zusammenfassung hier an).  Also alles Themen, die so oder so ähnlich auch in der Wirtschaft zu finden sind. Insofern mag in Ansätzen zumindest die Arbeit als Anwalt in einer Kanzlei oder als Jurist in einem Unmternehmen Berührungspunkte aufzeigen.

Doch grundsätzlich gilt: der juristische Beruf ist auch heute nicht dem in einem Wirtschaftsunternehmen zu vergleichen. Sowohl als Anwalt als auch als Jurist im Staatsdienst oder in einem Wirtschaftsunternehmen ist jedem von uns eine besondere Rolle und Position mit besonderen Rechten und Pflichten vom Staat verliehen worden. Ähnlich dem Eid des Hippokrates für Mediziner. Diesem müssen wir nach wie vor Rechnung tragen.

Und diese Besonderheiten spiegeln sich auch in den Themen wider, die Juristen zum Coaching mitbringen.

Was sind also genau die Themen, zu denen sich Juristen coachen lassen? Ich werde versuchen, einen repräsentativen Querschnitt meiner Arbeit – natürlich anonymisiert – aufzuzeigen, um diese Frage zu beantworten.

Im letzten Beitrag habe ich bereits mein persönliches „Thema“ vorgestellt. Es war sicherlich speziell und einer besonderen Situation geschuldet. Wie jedoch der folgende Beitrag zeigen wird, sind alle Themen allgemeingültig und einzigartig zugleich:

Im Frühjahr 2014 war mein Serviceunternehmen CLP zum ersten Mal zum Richter- und Staatsanwaltstag in Weimar eingeladen worden, um sich dort zu präsentieren. Dieser findet alle drei Jahre statt und bietet Richtern und Staatsanwälten eine einmalige Gelegenheit, sich mit Kollegen auszutauschen, weiterzubilden und zu informieren. Unsere Präsentation wurde offen und interessiert aufgenommen: bereits am ersten Tag hatten wir unser geplantes Budget an Informationsmaterial aufgebraucht. Am Ende der Ausstellung hatten wir das dreifache des geplanten Infomaterials verteilt.

Eine Amtsrichterin trat mit der Frage an mich heran, „ob ich auch Dritte coachen könne, und zwar ohne dass sie es merken oder gegen ihren Willen“. Ihr Problem war, dass der Direktor ihres Amtsgerichtes alles andere als eine Führungspersönlichkeit war und das mit ihm arbeitende „Team“ an Amtsrichtern seit seiner Ernennung quasi führungslos war. Er kümmerte sich nicht um Termine, um die Themen der Teambesprechungen und Sitzungen. Es gab weder Personalgespräche noch Feedbacks oder Entwicklungsstrategien noch Berichte. Das Ergebnis war, dass diese mangelnde Führung zu Lasten der anderen Amtsrichter ging. Diese versuchten „versteckt“ aber auch „offen“ die mangelnde Führung zu kompensieren, gerieten jedoch immer wieder an ihre Grenzen. Was alle unwahrscheinlich frustierte. Das einst gut funktionierende „Team“ brach auseinander. Viele verloren die Freude an ihrer Arbeit, einige wurden sogar krank oder versuchten abzuwandern. Die Amtsrichterin beschrieb eine verzweifelte und schier ausweglose Situation. Der Direktor des Amtsgerichtes war seit einem Jahr im Amt. Natürlich hatte ihn niemand wirklich auf die besondere Position eines Direktors vorbereitet. Und natürlich war er nicht aufgrund seiner besonderen Führungsqualitäten und -erfahrungen ausgewählt worden – das ist am Gericht nicht üblich. Er hatte schlicht die reguläre Laufbahn absolviert. Nun war er auf dieser Position und dort auch nicht mehr ohne weiteres wegzubekommen. Regulierungsmechanismen gibt es dafür sogut wie keine. Ein Thema also, welches in der Wirtschaft so sicherlich nicht anzutreffen ist. Was also tun? Dem Vorgesetzten dringend ein spezielles „Führungs-Coaching oder -Training“ emfehlen? Ihm anonym unsere CLP-Infobroschüre auf den Schreibtisch legen und hoffen, dass er sich dafür interessiert? Ein Einzlecoaching für die Amtsrichterin mit dem Ziel, sie besser mit dieser frustierenden Situation fertig werden zu lassen?

Nun, ich versuchte einen eleganteren Weg zu wählen: unter Einbeziehung des gesamten Teams und Ausrichtung auf ein anderes Thema näherten wir uns gemeinsam behutsam dem „Eigentlichen“. In Einzelgesprächen stellte sich heraus, dass er zwar ein brillanter Jurist war, jedoch nie gelernt hatte, zu organisieren, zu führen oder sich zu kümmern. Er stammte aus der Gegend und hatte auch hier studiert, weshalb er bis in seine 30er Jahre als einziger Sohn bei seinen Eltern gelebt hatte. Mittlerweile war er verheiratet und hatte Kinder. Doch er wohnte nach wie vor in einem ausgebauten Teil seines Elternhauses. Der Alltag wurde von seinen Eltern bzw. seiner Frau gemanagt. Er lebte ausschließlich für seinen Beruf als Richter. In der Freiziet begleitet er gern seine Kinder zu deren Freizeitaktivitäten. Direktor des Amtsgerichtes ist er nur geworden, um der Verwirklichung seines Berufes als Richter in der Gegend mehr Sicherheit zu geben…

Hatten wir am Ende Erfolg? Zumindest konnte das für alle offen sichtbar im Raum stehende Problem erstmals benannt werden. Ein erster Schritt auf einem langen Weg…

Klicken Sie „ANMELDEN“ bzw. „FOLLOW“ auf der rechten Seitenleiste, um auch den nächsten Beitrag nicht zu verpassen!

Herzlichst,

Dr. Geertje Tutschka

 

Advertisements

Ich bin neugierig auf Deine Meinung zu diesem Thema und warte gespannt auf Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s