Jurist oder Juristin – ein Unterschied?

Ist es ein Unterscheid, ob ein Richter oder eine Richterin über einen Streitfall entscheidet? Wieviel Einfluss hat es auf den Erfolg eines Rechtsstreites, ob der Mandant einen Anwalt oder eine Anwältin mit seiner Interessenvertretung beauftragt hat?

Fakt ist, dass Frauen und Männer biologisch/physiologisch Informationen in unterschiedlicher Quantität und Qualität verarbeiten, diese anders gewichten und erfassen. Hinzu kommt, dass die weibliche und männliche Kommunikation, das Streitverhalten und die Autorität aufgrund der Männern und Frauen jeweils in der Gesellschaft zugewiesenen Rollen entsprechend geprägt sind – so also auch das von Anwälten und Anwältinnen, Richtern und Richterinnen. Spätestens dann, wenn dem Juristen oder der Juristin also ein Ermessens- oder Beurteilungsspielraum eingeräumt wird, kommen nicht nur subjektive sondern auch genderspezifische Kriterien zum tragen. Kann also von einer objektiven Rechtsordnung keine Rede sein? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Heute – zum Weltfrauentag – also die Frage: Wie gerecht ist unsere Rechtsordnung?

Die 2013 vom DAV an die Prognos AG in Auftrag gegebene Studie über die Zukunft der deutschen Anwaltschaft zeichnet ein klares Bild: Die Zukunft der Anwaltschaft ist weiblich. Schon jetzt liegt der Anteil der Studentinnen im Fach Rechtswissenschaft bei über 50 %. Die Zahl der zugelassenen Anwältinnen ist in den letzten Jahren von 33 % auf 41 % gestiegen. Und das gilt nicht nur für Deutschland. Auch die Nachbarländer zeigen eine ähnliche Entwicklung: in den Niederlanden liegt der Frauenanteil bei 43 %, in Belgien und Frankreich bei 42 %.
Allein in Österreich liegt der Anteil weit unter dem europäischen Mittelwert bei nur 20 % Frauen in der Anwaltschaft. Woraus sich das erklärt hat nun die neu installierte Arbeitsgruppe „Frau in der Anwaltschaft“ des ÖRAK (Österreichischer Rechtsanwaltskammertag) ermittelt: die Kosten für die Ausübung des Anwaltsberufes sind in Österreich um ein Vielfaches höher als in den Nachbarländern (allein der Kammerbeitrag liegt beim 10fachen im Vergleich zu Deutschland). Ermäßigungen oder Freibeträge für die Zeit der Nichtausübung bzw. der nur teilweisen Ausübung des Anwaltsberufes wegen Schwangerschaft und Kinderbetreuung sind nicht oder nur minimal vorhanden. Hinzu kommt, dass Österreich im europäischen Vergleich sowohl in der staatlichen Kinderbetreuung einen der letzten Plätze belegt. Und auch im Vergleich der Einkommen eines der größten Gender Gaps aufweist. Kein Wunder also, dass es Jus-Studentinnen bzw. Rechtsanwaltsanwärterinnen (Referendarinnen) hier besonders schwer fällt, aufzuholen.

Auffällig ist allerdings, dass die Anwältinnen auch in Deutschland weder bei den Topverdienern in der Anwaltschaft noch in Führungspositionen und bei den Sozietäten und Partnerschaften nachgezogen haben. Hier stagniert ihr Anteil bei mageren 25 %. Überdurchschnittlich hoch ist hingegen ihr Anteil in Teilzeitarbeitsbereichen und Sachbearbeiterpositionen. Dies genügt jedoch laut Prognos AG bereits, um schon jetzt einen Gender Shift in der deutschen Anwaltschaft und damit einhergehende Veränderungen im anwaltlichen Berufsbild klar definieren zu können: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Home office, Work-Life-Balance sind Schlagwörter, die nun auch in Kanzleien immer öfter fallen. Der Anwalt, der 12-14 Stunden täglich für seine Kanzlei zur Verfügung stand, ist heute nicht mehr die Leitbild. Gemischte Entscheiderteams, in denen die Frauen nicht mehr selbstverständlich die Themen Personal- und Eventorganisation übernehmen, Rechtsbereiche, die nicht mehr ausschließlich von Kollegen oder Kolleginnen beackert werden, Netzwerke, in denen sich Kollegen mit Kolleginnen austauschen, führen zu einem neuen Verständnis der Anwaltschaft.

Hat das Auswirkungen auf Hierarchien innerhalb von Kanzleien? Ja.

Kann dies Streitkultur verändern? Absolut.

Macht es gleichwohl einen Unterschied, ob ein Anwalt oder eine Anwältin einen Mandanten vertritt, ein Richter oder eine Richterin eine Sache entscheidet? Sollte es.

Denn so wie es in der Gesellschaft bei Gender Equality auch immer um Gender Diversity geht, muss der Unterschied zwischen den Geschlechtern eben auch im Rechtssystem spürbar bleiben.

Damit unser Rechtssystem an der gesellschaftlichen Realität bleibt und diese widerspiegelt.

In diesem Sinne!

Herzlichst,

Ihre Dr. Geertje Tutschka

PS: Das Thema war bereits Gegenstand eines Workshops auf dem letzten Österreichischen Rechtsanwaltstag und eines Webinars, welches ab April 2015 kostenfrei unter www.coachingforlegals.com abrufbar ist. Lesen Sie unseren eNewsletter und erfahren Sie, wann und wie!

Achtung: Die Anmeldung für das nächste Führungsseminar für Anwälte und Juristen ist schon vom 13.-15.03.2015.

 

 

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