Zurück in die Zukunft!

Wer kennt ihn nicht? Den Film, in dem Martin McFly 1985 mit einem DeLorean in der Zukunft landet, genauer gesagt am 21. Oktober 2015, also heute.

Was damals in unvorstellbar weiter Ferne lag, ist heute Realität. Oder konnte sich einer von Euch damals vorstellen, was er am 21.10.2015 machen würde, wie sein Leben aussehen würde?

Gerade noch den Film angeschaut – und schwups – ist es dreißig Jahre später! Und wir alle sind mitten drin in der Zukunft. Sitzen am Schreibtisch und lesen Blogs, Juristen-Blogs! Wär hätte das gedacht. – Immerhin hatte Martin noch seinerzeit nur mit den Schultern gezuckt, als „Doc“ nebenher erwähnte, dass es „nun“ im Jahr 2015 keine Anwälte mehr gibt und die Gerichte so effizient und schnell wären wie nie zuvor.

Gerade noch haben wir uns mit Lehrern rumgeschlagen, die mit Matura- und Abituranforderungen nervten; saßen in Uni-Hörsälen, bohrten in der Nase und kämpften gegen eine übermächtige Müdigkeit an, während wir uns schworen, nie wieder mitten in der Woche mit den Kumpels abzuhängen oder zumindest dann nicht am nächsten Morgen schon um neun im Hörsaal zu sitzen. Vielleicht hast Du Dich 1985 auch schon in irgendeinem kleinen Zimmerchen direkt neben der Teeküche durch Berge von verstaubten Akten gewühlt, während Du Dich gefragt hat, warum in aller Welt Du Jura studiert hast oder wann Dir endlich ein Fall wie in „Die Firma“ unterkommen würde. Ach ja, den gab es ja damals noch gar nicht – erst acht Jahre später!

Es gab noch zwei deutsche Staaten, zwei Rechtssysteme und zwei Arten von Juristen: diejenigen in Westdeutschland und den politischen Beruf des ostdeutschen Anwalts.

Heute, 30 Jahre später, gibt es nur noch ein Deutschland und eine juristische Ausbildung. Die Zahl der Anwälte hat sich von 40.000 im Jahre 1985 auf 163.000 vervierfacht. Der rasanteste Anstieg erfolgte in den zehn Jahren nach der Wiedervereinigung: von 1990 bis 2000 hat sich die Zahl von 56.000 auf 104.000 nahezu verdoppelt. Dabei ist sicherlich der Zuwachs durch die neuen Länder zu berücksichtigen, so dass sich die Mandantenzahl pro Anwalt in dieser Zeit nicht ohne weiteres halbiert hat (s.Statistik). Heute stellen wir uns als Berufsstand den Herausforderungen der Digitalisierung. Das beA ab dem Jahr 2016 wirbelt den fein konservierten Staub auf den Arbeitsprozessen und Standards in Gerichten und Kanzleien ganz ordentlich auf: ein frischer Wind bläst durch die Branche. Die AdvotTec auf dem jährlichen DAT boomt, Kanzlei – IT wird vielfältig und individuell und Themen wie Innovation und Start-up sind auch für Kanzleien kein Fremdwort mehr. Und der juristische Beruf ist heute insgesamt weiblicher geworden: Schon in den 90er Jahren entsprach der Frauenanteil in den rechtswissenschaftlichen Studiengängen nahezu 45 %. Heute sind diese Frauen in der Praxis angekommen, wenn auch noch nicht überall in den Entscheidungspositionen, Kanzlei-Partnerschaften, Spitzenverdienerreihen und Berufsvereinsvorständen. Aber es wird!

Nach dieser Entwicklung bin ich schon jetzt auf den 21.10.2045 gespannt! Den wir alle hoffentlich noch erleben werden. Auf dem Stuttgarter Wissensforum am vergangenen Wochenende hatte ich die Gelegenheit, Deutschlands führenden Zukunftsvisionär Sven Gabor Janszky von „2b AHEAD“ life zu erleben. Wie er unsere unsere Branche sah?

Hier ein Auszug aus seiner Trendstudie zum Kundenverhalten 2020:

„Heute sind die Kunden von morgen gerade mal 17 Jahre alt. Im Jahr 2020 werden die Menschen zur gleichen Sekunde über Handy, Spielekonsole, ICQ, studiVZ im Hintergrund MP3s hören und evtl. läuft der Fernseher auch noch. Man trifft sich mit seinen Communities und entscheidet darüber, ob Marken relevant sind oder nicht. Die Vernetzung des Konsumenten hat die Machtverhältnisse verschoben. Der Konsument vertraut mehr denn je seinen Wahlverwandtschaften. Interagiert und kommuniziert wird mit anderen Menschen. Der Weg zum Kunden führt daher verstärkt nicht mehr über Werbemedien – sondern über seine Beziehungen. Produktdifferenzierungen finden vorrangig in immateriellen Dimensionen statt – nicht in technischen Details und Preis. Die Bedürfnisse des Konsumenten sind sozialer und emotionaler Art: Anerkennung, Zugehörigkeit, Vertrauen, Orientierung. Die wichtigsten zukünftigen Innovationen finden im Servicebereich statt. Spezialistenwissen wie bei Ärzten und Anwälten wird an Bedeutung verlieren“ – so seine ausdrückliche Mahnung in Stuttgart.

Was heißt das für Anwaltskanzleien? Rechtsinformationen werden für jeden immer und überall kostenfrei abrufbar sein. Ein Besprechungstermin mit dem Anwalt in einigen Tagen? Viel zu lang. Kanzleien werden sich auf das Kunden-/Mandantenverhalten einstellen und ebenso flexibel, online und rund um die Uhr reagieren, zumindest mit automatisierten Prozessen. Mandantenakquise wird daher in den Hintergrund treten; Pflege nachhaltiger Mandantenbeziehungen hingegen in den Fokus rücken müssen. Wichtig aber ist dabei: Kanzleien müssen eine Servicekultur entwicklen. Und eine menschliche Identität. Nur damit sind ihre Leistungen unterscheidbar und nur dann bedienen sie Mandantenbedürfnisse.

Fachweiterbildungen und Fachanwaltsspezialisierungen? Austauschbar! Kann  der Anwalt gegenüber der Wissens-Konkurrenz aus den online-Foren hier tatsächlich standhalten? Und wodurch genau unterscheidet sich der Fachanwalt für Verkehrsrecht vom Kollegen um die Ecke, ebenfalls Fachanwalt für Verkehrsrecht? Was uns als Anwälte unverwechselbar macht und unsere Mandanten an uns binden wird, wird unsere Persönlichkeit sein.

Akquise durch Kanzleimarketing und Entwicklung von Kanzleimarken? Kann schmückendes Beiwerk sein. Aber am Ende des Tages können wir nur persönlich überzeugen. Ein knackiger Slogan oder eine Corporate Identity in dunkelblau wird den Mandanten nicht die emotional Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln können oder Vertrauen und Orientierung geben.

Die Prognose für den Anwaltsmarkt hört sich für mich nach den „guten alten Zeiten“ an: als der Mandant nämlich zum Anwalt kam, weil der schon immer allen helfen konnte, ein echt super Typ war und in der  Gemeinde diese ein, zwei Projekte wirklich zum Laufen gekriegt hat.

Zurück in die Zukunft. So schnell wie die ersten 30 Jahre vergangen sind, werden auch die nächsten vergehen. So manche Prognose wird nicht oder nicht so eintreten. Doch schon heute in uns und unsere persönliche Entwicklung zu investieren wird sich so oder so auszahlen: auch wenn wir am Ende einfach nur als Jurist glücklich sind.

In diesem Sinne – Zurück in die Zukunft. Zurück an die Arbeit. Zurück an den Schreibtisch!

Herzlichst,

Ihre Dr. Geertje Tutschka

PS: Die besten Filmszenen findet Ihr übrigens auf Zeit online (hier). Und keine Sorge – die Tagesschau hat tatsächlich die Filmnachrichten gelesen (mehr dazu hier) – die richtigen Nachrichten „aus der Zukunft“/von heute gibt es heute Abend zur gewohnten Zeit 🙂

Achtung! Achtung! Hier kommt unsere „Zurück in die Zukunft-Aktion“:

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